
Von Christian Grimm
BERLIN (Dow Jones)--Um Fahrverbote in den Innenstädten zu vermeiden, arbeiten Bundesregierung und Autoindustrie an einer großen Nachrüstaktion für die Dieselflotte. Sie könnte noch vor der Ende September anstehenden Bundestagswahl beschlossen und gestartet werden, bestätigten Autoindustrie und Regierungskreise dieser Nachrichtenagentur. Damit soll die Luftqualität in deutschen Städten verbessert werden.
"Wir sind offen und interessiert für so eine Lösung", sagte der Geschäftsführer des Verbands der Automobilindustrie, VDA, Kay Lindemann, am Montag in Berlin zu Dow Jones Newswires. Nach seinen Worten geht es um Softwareupdates für die Motorsteuerung von Dieselautos mit der Schadstoffklasse Euro 5. Die Autobranche bevorzuge eine bundesweite Lösung anstatt mit verschiedenen Landesregierungen, wie Baden-Württemberg oder Bayern, einzelne Gespräche führen zu müssen.
Deutschlands größter Industriezweig will damit den Diesel-Bann verhindern, wie er zum Beispiel explizit in Stuttgart oder München droht. Die Diesel blasen zwar weniger Kohlendioxid als die Benziner in die Luft, stoßen jedoch deutlich mehr giftige Stickoxide aus. Die Werte in deutschen Städten werden seit Jahren überschritten, aber erst seit dem Diesel-Skandal um manipulierte Abgaswerte hat der Druck auf die Autohersteller die kritische Masse erreicht.
Anders als die Industrie will die Bundesregierung auch Selbstzünder mit der Schadstoffklasse Euro 4 und Euro 6 durch Softwareupdates sauberer machen. Bei Nachtests waren auch Autos mit der höchstens Umweltnorm Euro 6 als dreckige Stinker aufgefallen. "Die Kosten für die Nachrüstung muss die Industrie tagen", sagte ein Regierungsvertreter, der anonym bleiben wollte. Die Kosten werden intern mit 1,5 bis 2,5 Milliarden Euro beziffert. Die Hersteller zeigen sich öffentlich noch nicht bereit, die Kosten komplett zu übernehmen. "Das muss man in den Verhandlungen besprechen", sagte VDA-Geschäftsführer Lindemann.
Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) fordert seit Monaten eine Nachrüstung der kompletten Dieselflotte in Deutschland. Betroffen wären über 10 Millionen Autos. Auch die Große Koalition im Bundestag ist in die Diskussion um die Diesel-Nachrüstung eingebunden. "Wenn die Industrie die Rechnung übernimmt, können wir uns das gut vorstellen", sagte ein mit den Beratungen Vertrauter Parlamentsmitarbeiter.
Daimler-Chef Dieter Zetsche hatte sich am Wochenende in einem Interview dafür ausgesprochen, auf Fahrverbote zu verzichten. Diese seien in Innenstädten kaum praktikabel. Er schlug stattdessen "softwarebasierte" Minderungen des Schadstoffausstoßes vor. "Wenn es am Ende des Tages für alle Beteiligten, in allererster Linie für unsere Kunden und die Kommunen, zu einem Win-win kommen kann, dann werden die Hersteller sicherlich auch dabei sein", hatte Zetsche im Deutschlandfunk gesagt.
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June 26, 2017 10:58 ET (14:58 GMT)
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