
HAMBURG (Dow Jones-VWD)--Die deutsche Industrie beschäftigt sich derzeit intensiv mit der neuen EU-Elektro-Altgeräteverordnung. Sie schreibt vor, dass ausgediente Handys, Computer, Waschmaschinen, Toaster oder Kühlschränke von den Herstellern zurückgenommen und umweltschonend entsorgt werden müssen. Die Produzenten sehen immense Kosten auf sich zukommen und haben bereits deren Abwälzung auf die Verbraucher angekündigt. Auch die deutschen Behörden, die das EU-Recht bis 13. August 2004 in nationales Recht umsetzen sollen, haben viel Arbeit vor sich. Sie wissen aber schon jetzt, dass sie diesen Termin nicht werden halten können.
Trotzdem gehen die verantwortlichen Beamten davon aus, dass auch in Deutschland von August 2005 an die Sammlung, Erfassung und Verwertung aller alten Elektrogeräte geregelt ist. Der EU-Regelung zufolge müssen die Hersteller ihre Geräte nicht nur zurücknehmen, sondern auch noch umweltschonend entsorgen. Bei einem in Deutschland prognostizierten Anfall von jährlich 1,67 Mio t Elektroschrott ist dies auch ein logistisches Problem. Die Hersteller und Importeure rechnen mit Kosten von 350 Mio bis 500 Mio EUR pro Jahr. Bezogen auf Europa liegen die Schätzungen bei bis zu einer Mrd EUR jährlich.
Die Verordnung stellt zum Beispiel die Hewlett-Packard GmbH, Böblingen, vor neue Herausforderungen. Voraussetzung für ein wirkungsvolles Recycling sei zuallererst die Produktion recyclingfähiger Produkte, sagt HP-Manager Ulrich Hakenjos. In die Entwicklung solcher Produkte investiert das Unternehmen viel. Beispielweise würden in Scannern bereits alternative Leuchtquellen anstelle der üblichen Quecksilberlampen eingesetzt. Die Kosten für deren Forschung und Entwicklung zahlten sich aber erst in acht bis zehn Jahren auszahlen, und zwar dadurch, dass die Kosten für das Recycling dieser innovativen Produkte sänken.
Wolle ein Unternehmen derartige F+E-Aufwendungen vermeiden, müssten entsprechend der künftigen Verantwortung für die eigenen Produkte höhere Recyclingkosten gezahlt werden, beschreibt Hakenjos die Alternative. HP setzt sich in der laufenden Diskussion um die Umsetzung der EU-Verordnung für eine freie Wahl des Recyclingsystems ein, "weil nur dann die kostengünstigste Lösung gewählt werden kann und der Wettbewerb gefördert wird", sagt der Manager. Das Unternehmen habe mit Electrolux, Gillette-Braun und Sony die Allianz "Europäische Recycling Plattform (ERP) gegründet", um die Rücknahme- und Recyclingverpflichtung gemeinsam zu organisieren.
Neue Anforderungen auch an Kommunen und Bürger
Aber nicht nur auf die Industrie, sondern auch auf die Kommunen und den Verbraucher kommen neue Aufgaben hinzu. Während Letztere verpflichtet seien, Altgeräte nicht in die Mülltonne zu werfen, sondern getrennt abzugeben, müssten die Kommunen die Kosten für die Sammlung dieser Geräte übernehmen, sagt Arno Fricke vom niedersächsischen Umweltministerium. Bei der vorgeschriebenen Befreiung von Schadstoffen sieht er Konfliktpotenzial, weil nach seiner Einschätzung jedes EU-Land diese Vorgabe auf seine Art auslegen wird. Außerdem sieht er das Aus für viele kleine und mittelständische Betriebe, da diese nicht über die erforderliche Technik verfügten.
Eine gesonderte Regelung gilt es für die so genannten "historischen Altgeräte" zu finden, die vor der für August 2005 verpflichtenden Herstellerkennzeichnung produziert werden. Hier sei vorgesehen, dass alle Elektrogeräteproduzenten je nach Marktanteil die Entsorgungskosten übernehmen müssten, sagt Fricke. In Deutschland wird schon seit mehr als 15 Jahren über eine Regelung für Elektroaltgeräte diskutiert. Lösungen scheiterten aber bisher immer an den unterschiedlichen Interessen von Herstellern, Kommunen und Politk. Anders sieht es in Österreich, Belgien, Dänemark und den Niederlanden aus. Dort existieren bereits Rücknahmesysteme.
Chancen durch das bevorstehende höhere Altgeräteaufkommen sieht beispielsweise die Electrocycling GmbH, Goslar. Sie beschäftigt sich bereits seit acht Jahren mit der großtechnischen Verarbeitung und Aufbereitung von Elektrogeräten. Alte Geräte werden hier vor allem als "Rohstofflieferanten" gesehen, die bis zu 50% Eisen, 30% Kupfer und weitere Nichteisenmetalle enthalten. Dies seien Werte, die der Primärerzgewinnung entsprächen oder sie noch überträfen, sagt Geschäftsführer Georg Fröhlich. Sein Unternehmen verkauft die gewonnenen Sekundärrohstoffe und bringt sie so wieder in den Produktionskreislauf.
Am Ende vieler Verfahrensschritte entstehen in Goslar hochreine Metallprodukte zum Einsatz in Stahlwerken, Kupfer- und Aluminiumhütten. Es werden aber auch Reststoffe hergestellt, die mit ihrem hohen Heizwert zur Energieerzeugung genutzt werden. Das Unternehmen hat seit Gründung über 160.000 t Elektroaltgeräte verwertet und aufbereitet und 80% der Stoffe als Metalle, Kunststoffe, Glas oder Bauteile in den Produktionskreislauf zurückgeführt. Weitere 18% sind zur Energiegewinnung eingesetzt worden und lediglich 3% mussten beseitigt oder deponiert werden.
Verglichen mit dem Aufwand zur Primärrohstoffgewinnung könne sich diese Bilanz besonders gut sehen lassen, schätzt Fröhlich. Um die gleichen Mengen an Eisen, Kupfer, Aluminium und Edelmetallen bergbaulich aus Primärerzen zu gewinnen, müssten rund 9 Mio t Gestein bewegt werden.
Dow Jones Newswires/21.6.2004/kib/rio
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