
DJ UPDATE2: ifo-Index zeigt stärksten Anstieg seit zwölf Jahren
(NEU: Stimmen weiterer Bankvolkswirte) Von Hans Bentzien DOW JONES NEWSWIRES
FRANKFURT (Dow Jones)--Das Geschäftsklima der gewerblichen Wirtschaft Deutschlands hat sich im August stärker als erwartet aufgehellt. Wie das Münchener ifo Institut für Wirtschaftsforschung am Mittwoch mitteilte, stieg der Geschäftsklimaindex auf 90,5, nachdem er im Vormonat bei revidiert 87,4 (vorläufig: 87,3) notiert hatte. Von Dow Jones Newswires befragte Volkswirte hatten lediglich einen Anstieg auf 88,8 erwartet. Der fünfte Anstieg in Folge war der stärkste seit Juli 1996 und trug den wichtigsten deutschen Konjunkturfrühidikator auf das höchste Niveau seit September 2008.
Der Index zur Beurteilung der aktuellen Lage erhöhte sich auf 86,1, im Vormonat hatte er bei revidiert 84,4 (84,3) gelegen. Es war der zweite Anstieg in Folge. Volkswirte hatten einen Stand von 85,9 Punkten prognostiziert. Gleichwohl verwies das ifo Institut darauf, dass die wirtschaftliche Situation der Unternehmen immer noch erheblich schlechter als vor einem Jahr ist. Die Erwartungskomponente wurde auf 95,0 (Juli: 90,4) beziffert. Hier war ein Stand von 92,0 erwartet worden.
Volkswirte sahen in dem unerwartet deutlichen Indexanstieg einen weiteren Anhaltspunkt dafür, dass der Erholungsprozess der deutschen Wirtschaft weiter an Schwung gewinnt, warnten aber zugleich vor mittelfristigen Wachstumsrisiken, die sich aus der Arbeitsmarktentwicklung und einer Kreditverknappung ergäben.
ING-Volkswirt Carsten Brzeski sagte, es seien alle Zutaten für eine weitere positive Wachstumsüberraschung im dritten Quartal vorhanden. Stimmungsindikatoren und Auftragseingänge deuteten darauf hin, dass die Unternehmen begonnen hätten, ihre Lager wieder aufzufüllen. Zudem würden maßgebliche Teile des Konjunkturprogramms der Regierung wie Steuererleichterungen und Infrastrukturinvestitionen ihre Wirkung erst in den kommenden Monaten entfalten.
Alexander Krüger vom Bankhaus Lampe rechnet nach den aktuellen ifo-Zahlen mit einer deutlichen Zunahme der Wirtschaftsleistung im zweiten Halbjahr 2009, verweist aber auf der anderen Seite darauf, dass das ifo-Geschäftsklima weiterhin deutlich unter dem Durchschnitt der vergangenen 15 Jahre liege, was zunächst so bleiben dürfte. Wegen des Auslaufens fiskalischer Impulse Anfang 2010 werde die Unterauslastung der Kapazitäten anhalten und die Beschäftigung wohl weiter abgebaut werden. "Vor diesem Hintergrund halten wir Markterwartungen, die auf eine 'V-Erholung' abzielen, für übertrieben", sagte er.
Die ifo-Konjunkturforscher selbst zeigten sich überrascht vom robusten Geschäftsklima. "Auch wir haben den Anstieg in dieser Intensität nicht erwartet", sagte der ifo-Bereichsleiter für Branchenforschung, Gernot Nerb, und konstatierte: "Der Aufwärtstrend hat sich verbreitert". Es sei erfreulich, dass vor allem die Industrie anziehe. Rückschläge seien zwar nicht ausgeschlossen, derzeit allerdings auch nicht erkennbar, und das Institut rechne insgesamt damit, dass sich die Erholung in das kommende Jahr hinein fortsetze.
Das Geschäftsklima im verarbeitenden Gewerbe beschrieb das ifo Institut als "weniger ungünstig als im Vormonat". Die schwierige Geschäftssituation habe sich den Firmenmeldungen zufolge etwas entspannt. Dennoch seien die Unternehmen unzufrieden mit ihrer Lage. Sie rechneten aber nicht mehr mit einer Verschlechterung der Geschäfte im kommenden halben Jahr. Der Index für diesen Sektor erhöhte sich auf minus 22,0 (Vormonat: minus 29,7) Punkte.
Ebenfalls weniger skeptisch bewerten die Industriefirmen ihre Exportchancen. Den Personaleinsatz beabsichtigten sie nicht mehr ganz so deutlich abzusenken. Dennoch bleiben ihre Planungen klar auf Beschäftigungsreduzierung ausgerichtet.
Im Großhandel hat sich das Geschäftsklima deutlich verbessert, der Index stieg auf minus 14,6 (minus 22,5) Punkte. Die aktuelle Geschäftslage bewerten die Firmen merklich weniger schlecht als im Vormonat. Auch für die Entwicklung im kommenden halben Jahr sind die Großhändler weniger skeptisch als bislang. Im Einzelhandel erhöhte sich der Geschäftsklimaindex auf minus 15,0 (minus 17,8). Zwar sind die Einzelhändler wieder leicht unzufriedener mit ihrer aktuellen Geschäftslage, doch blicken sie im Gegenzug weniger pessimistisch auf die Geschäftsentwicklung in den nächsten sechs Monaten.
Der Geschäftsklimaindex für das Bauhauptgewerbe kletterte auf minus 24,0 (minus 25,3). Die Befragungsteilnehmer beurteilen ihre augenblickliche Geschäftslage etwas günstiger als im Vormonat. Bezüglich des weiteren Geschäftsverlaufs sind sie nahezu unverändert zurückhaltend.
Die meisten Volkswirte erwarten, dass das ifo-Geschäftsklima zunächst weiter steigen wird. So verwies Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer darauf, dass die ifo-Erwartungskomponente im Durchschnitt der 13 Boomphasen der zurückliegenden 45 Jahre ein Hoch von 103 Punkten erreicht habe. Legten die Erwartungen wie seit Dezember weiter pro Monat um zwei Punkte zu, hätten sie noch vier Monate Raum zum Steigen, kalkulierte er. Zudem habe die Lagekomponente eben erst begonnen, sich von ihren historischen Tiefständen zu lösen.
Thomas Amendt von HSBC Trinkaus erwartet, dass die ifo-Lagekomponente im September erneut und damit zum dritten Mal in Folge steigen wird. Dies ist nach Aussage des ifo Instituts auch notwendig, um eine konjunkturelle Trendwende zu beglaubigen. Für das zweite Halbjahr erwartet Amendt eine Belebung des Wachstumsmomentums, er schränkt aber ein: "Die Nachhaltigkeit der Entwicklung muss vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden Eintrübung am Arbeitsmarkt, der fehlenden Impulse für den privaten Konsum durch das Auslaufen der Abwrackprämie zum Jahresende und der notwendigen Konsolidierung der Staatsfinanzen aber in Frage gestellt werden."
Auch Die Ökonomen von Moody's Economy.com warnten, dass das Geschäftsklima in Deutschland in den nächsten Monaten von Unsicherheiten über die Entwicklung von Nachfrage und Arbeitsmarkt im kommenden Jahr belastet werden könnte. Der Arbeitsmarkt könne zu einer Bremse für den Konsum werden, zudem gehe das Kreditwachstum trotz staatlicher Interventionen weiter zurück.
-Von Hans Bentzien, Dow Jones Newswires, +49 (0)69 29725 300, Hans.Bentzien@dowjones.com DJG/hab/apo Besuchen Sie auch unsere Webseite http://www.dowjones.de
(END) Dow Jones Newswires
August 26, 2009 06:08 ET (10:08 GMT)
Copyright (c) 2009 Dow Jones & Company, Inc.