
Von Paul J. Davies und Juliet Chung
NEW YORK (Dow Jones)--Für die Investoren, die als Short-Seller auf eine Talfahrt der Wirecard-Aktie spekuliert haben, war in dieser Woche ein gewaltiger Zahltag. Bevor der Zahlungsdienstleister Wirecard am vergangenen Donnerstag mitteilte, dass die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young dem Konzern das Testat für den Jahresabschluss 2019 verweigerten, weil Belege für Treuhandgelder in Höhe von 1,9 Milliarden Euro fehlten, hatten Short-Seller Wirecard zu ihrem Lieblingsziel auserkoren. Nach Angaben der Datenanalytiker von S3 Partners haben die Short-Seller nach dem gigantischen Kurseinbruch von Wirecard vom Donnerstag einen Buchgewinn von 2,6 Milliarden US-Dollar eingestrichen. Die Wetten der acht Fonds mit dem größten Short-Exposure in Wirecard, auch auf den Optionsmärkten, konnten nach Aussage von Breakout Point einen Buchgewinn von 1 Milliarde Dollar generieren.
Die Short-Seller leihen sich für einen bestimmten Zeitraum Aktien und verkaufen diese direkt weiter. Sinkt während der Leihdauer der Aktienkurs des Unternehmens, können die Spekulanten die Aktie am Markt wieder günstiger kaufen, wenn sie die geliehene Aktie zurückgeben müssen. Die Kursdifferenz können sie dann als Profit einstreichen. Die New Yorker Slate Path Capital und die zwei britische Fonds, TCI Fund Management und Marshall Wace, hielten am Mittwoch die größten Short-Positionen in Wirecard und haben nach Schätzungen von Breakout Point in zwei Tagen bis zu 184 Millionen Euro, 161 Millionen Euro bzw 136 Millionen Euro auf ihren Gewinnseiten verbuchen können. Weitere Fonds mit Wirecard-Short-Positionen sind Darsana Capital Partners, Samlyn Capital und Viking Global Investors.
Wirecard werden seit geraumer Zeit Bilanztricksereien vorgeworfen und der DAX-Konzern ist seit über einem Jahr in Bedrängnis, seit die Londoner Zeitung Financial Times dem Management in einer Serie von Artikeln Bilanzmanipulationen vorwarf. Ein vom Unternehmen selbst in Auftrag gegebenes Gutachten bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG hat zwei keinen Korrekturbedarf für die Bilanzen 2016 bis 2018 gefunden, dem Konzern jedoch organisatorische Mängel vorgeworfen. Der Jahresabschluss 2019 war am Donnerstag eigentlich mit Spannung erwartet worden, nachdem die ursprünglich für den 8. April geplante Veröffentlichung drei Mal verschoben worden war. Zuerst verzögerte sich das KPMG-Gutachten, dann brauchten die Abschlussprüfer mehr Zeit für dessen Berücksichtigung.
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June 21, 2020 09:42 ET (13:42 GMT)
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