WIESBADEN (dpa-AFX) - In Deutschland ist die Produktion im verarbeitenden Gewerbe im Juni überraschend weiter gesunken. Im Monatsvergleich sei die Fertigung um 1,3 Prozent geschrumpft, teilte das Statistische Bundesamt am Freitag mit. "Maßgeblich waren Versorgungsengpässe bei Halbleitern vor allem im Automobilbereich", erklärten Experten des Bundeswirtschaftsministerium den Rückschlag.
Analysten wurden von der schwachen Entwicklung überrascht. Sie hatten für Juni mit einer Erholung der Produktion gerechnet. Außerdem war der Produktionsdämpfer im Monat zuvor stärker als bisher bekannt ausgefallen. Im Mai war die Fertigung um revidiert 0,8 Prozent gesunken, nachdem zuvor nur ein Rückgang um 0,3 Prozent gemeldet worden war.
Innerhalb der Industrie sei die Produktion von Investitionsgütern um 2,9 Prozent im Monatsvergleich gesunken, und die Produktion von Vorleistungsgütern um 0,9 Prozent, wie das Bundesamt weiter mitteilte. Außerhalb der Industrie lag die Energieerzeugung im Juni 0,6 Prozent und die Bauproduktion 2,6 Prozent niedriger als im Vormonat.
Nach Einschätzung des Bundeswirtschaftsministeriums wurde auch die Bauwirtschaft durch einen Materialmangel ausgebremst. Demnach habe eine Knappheit von Bauholz die Produktion belastet, hieß es in einer Mitteilung des Ministeriums.
"Die Lieferkettenprobleme sind nach wie vor eine bleierne Kette am Bein der Industrie - daran dürfte sich in den kommenden Monaten wenig ändern", kommentierte Analyst Marco Wagner von der Commerzbank die Produktionsdaten. Mit dem jüngsten Rückschlag ist die deutsche Industrieproduktion nach Berechnungen von Ökonomen des britischen Analysehauses Capital Economics 6,8 Prozent unter das Niveau gefallen, das vor der Corona-Krise herrschte.
"Die Industrie bekommt auch im Juni ihre PS nicht auf die Straße", kommentierte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank. Eine aktuelle Umfrage des Ifo-Instituts unter deutschen Industriebetrieben zeigt, wie sich die Lieferengpässe bei wichtigen Vorprodukten bemerkbar machen. Die aus der Befragung ermittelten Produktionserwartungen seien gesunken, teilte das Forschungsinstitut am Freitag mit. Der entsprechende Indexwert sank im Juli auf 22 Punkte, nach 27 Zählern im Juni.
Trotz des erneuten Dämpfers bleibt das Bundeswirtschaftsministerium beim Ausblick für die deutschen Industriekonjunktur aber weiter "verhalten optimistisch". "Auch die Exportaussichten werden von den Unternehmen weiterhin positiv eingeschätzt", hieß es in der Mitteilung.
Außerdem dämpfen prall gefüllte Auftragseingang die Sorgen vor einer schwachen Entwicklung der deutschen Industrie. Wie das Bundesamt am Donnerstag mitgeteilt hatte, war der Auftragseingang im Juni um 4,1 Prozent im Monatsvergleich gestiegen und damit mehr als doppelt so stark wie Experten erwartet hatten./jkr/jsl/mis